Duftkultur | Düfte in Kulturen

© Artikel von Ingrid Karner

Da die Ernährung, Hygiene und Duftumgebung in verschiedenen Regionen und Kulturen anders ist, sind auch die Duftvorlieben (oft als „Geschmacksvorlieben“) von Kindern bzw. in weiterer Folge auch von Erwachsenen in Europa anders als in Afrika, Amerika oder Asien. Während ein Kind von einem steirischen Bauernhof den Geruch eines Misthaufens durchaus auch mit Heimatduft verbindet und positive Emotionen damit verknüpft sein können, kann ein Stadtkind Autoabgase als vertraut abgespeichert haben.

Sozialisation ist das Hineinwachsen und Einfügen von Menschen in die eigene Kultur. In der kulturvergleichenden Sozialisationsforschung können auch Duftvorlieben und Duftreaktionen in Betracht gezogen werden. Wir alle kennen den Duft der Heimat, der untrennbar mit Emotionen aus unserer Kindheit verbunden ist. Sozialisation ist ein lebenslanger Prozess, bei dem auch Düfte eine bedeutende Rolle einnehmen:

  1. Primäre Sozialisation: Jede Familie hat ihren eigenen Duft.
  2. Sekundäre Sozialisation: Jede Schule hat ihren speziellen Duft (Klebstoff, Farben, Bücher, Kopierzimmer, Kreide, Reinigungsmittel usw.). In Kirchen wird geräuchert – vor allem zu hohen spirituellen Festen.
  3. Tertiäre Sozialisation: Auch im Erwachsenenleben begegnen wir Gerüchen am Arbeitsplatz, auf Ämtern und Behörden. Den Duft des Partners, das Parfum der Freundin oder den Duft des eigenen Kindes verbinden wir mit verschiedensten Lebenssituationen und Emotionen.
  4. Quartäre Sozialisation: Altenpflege mit duftenden Waschungen, Balsamierung unserer Verstorbenen.

Mit jedem Atemzug nehmen wir Düfte auf – bewusst oder unbewusst – und speichern diese gemeinsam mit Erinnerungen dazu ab. Mit Düften können wir zu einem späteren Zeitpunkt alte, bereits verdrängte, sogar vorgeburtliche Erinnerungen und damit verbundene Emotionen wieder wachrufen. Der Geruchssinn ist direkt mit dem Limbischen System verbunden.

Die „Geruchssozialisation“ beginnt bereits im Mutterleib: im ersten Trimester entwickelt sich der Geruchssinn und im dritten Trimester ist das Baby in der Lage, Gerüche zu erkennen. Da Duftstoffe die Plazentaschranke überwinden, gelangen sie zum Fötus. Heute weiß man, dass Kinder bereits im Mutterleib Dufterlebnisse haben und Vorlieben für Geschmäcker entwickeln, die die Mutter während der Schwangerschaft zu sich nahm.

Menschen, die miteinander verwandt sind, haben einen ähnlichen Körperduft. Babys orientieren sich am Geruch um die Mutterbrust zu finden und Mütter können ihr Baby unter Tausenden am Duft erkennen.

In welcher Duftumgebung wachsen Kinder auf?

Unsere Großeltern und Eltern sind olfaktorisch geprägt von natürlichen Düften, während unsere Generation (Geburtsjahre ab 1960) in eine Welt der synthetischen Düfte hineingeboren wurde: stark beduftete Putzmittel, Waschmittel, Parfums, Kosmetika, aromatisierte Getränke und Speisen etc. verbinden wir mit Vertrautheit und Geborgenheit, während so manche pflanzlichen, natürlichen Düfte wie z.B. Kamille oder Salbei aber auch bestimmte Körperdüfte eher mit Krankheiten oder mangelnder Hygiene in Verbindung gebracht werden. Wir Europäer verbinden mit Zitronenduft Sauberkeit und Frische. Menschen aus Florida hingegen denken bei Zitronenduft eher an Insektenabwehrmittel. Es liegt die Vermutung nahe, dass Kinder aus Lihir, Papua Neuguniea mit diesem Duft andere Assoziationen und damit verbundene Emotionen haben als unsere Kinder.

Man riecht es, wenn jemand krank ist oder seinen Körper nicht ausreichend reinigt. In Europa verwenden wir vorwiegend eukalyptisch oder kampferartig duftende Erkältungssalben, wenn wir an einem grippalen Infekt leiden. Auch diesen Duft speichern wir gemeinsam mit einem Gefühl ab. Bei Duftübungen in meinen Kursen löst er bei etwa zwei Drittel meiner Kursteilnehmer*innen das positive Gefühl „jetzt wird mir geholfen“ aus. Das dritte Drittel empfindet bei diesem Duft eher ein Unbehagen und verbindet damit nur die Erinnerung und Emotion„ich bin krank“. Diese Dufterlebnisse werden in der Kindheit geprägt und stehen in einem direkten Zusammenhang damit, wie ein Kind, wenn es hilfsbedürftig war, umsorgt wurde.

Weihrauchduft weckt bei der Ost-Steirer*innen vielfach Erinnerungen an Kirchgänge oder an bäuerliche Zeremonien zu den Rauhnächten bzw. an hohen kirchlichen Feiertagen. Spirituelle Räucherungen oder schamanische Reisen in afrikanischen Ländern, Amerika oder Asien werden mit anderen Duftpflanzen durchgeführt als bei uns. Duftet es bei uns nach Sandelholz, denken die wenigsten Österreicher*innen an eine Kirche, viele aber mittlerweile an einen Esoterik-Shop.

Düfte begleiten unseren Alltag. Düfte lösen Emotionen aus. Düfte lösen Erinnerungen aus. Die Bedeutung von Duftstoffen in der Sozialisation wird möglicherweise nicht immer erkannt. 

Literaturquellen:

  • Lorenzen, A., 2016. Die Wahrnehmung und Verarbeitung chemosensorischer Stimuli bei Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Christian-Albrechts Universität Kiel.
  • Traar, V., 2009. Sensorische Prüfungen mit Kindern, Diplomarbeit. Universität Wien.
  • What Baby Smells in Utero, n.d. . What to Expect. URL https://www.whattoexpect.com/pregnancy/fetal-development/fetal-smell/  (accessed 11.13.19).
  • Keller, A., 2019. Entdecke das Riechen wieder: Warum es sich lohnt, die Welt mit der Nase wahrzunehmen. Springer-Verlag GmbH, Berlin